In der Alpenfestung Fenestrelle
Schon von weitem sieht die Festung, die sich über einen steilen Abhang ausbreitet, imposant aus.
Die Festung besteht aus drei Festungen, Fort San Carlo, Fort Tre Denti und Fort Delle Valli, sieben Reduits (kleinere Häuser), durch Wälle und Bastionen verbunden, Treppen und Überdachungen auf einer Gesamtfläche von 1.350.000 m². Die Anlage erstreckt sich über drei Kilometer und einen Höhenunterschied von 635 Metern. Die Festung ist auch für ihre beiden langen Treppen berühmt: Die innenliegende Scala Coperta (gedeckte Treppe) mit ungefähr 4000 Stufen, die es erlaubte, alle Teile der Anlage geschützt zu erreichen, und die äussere Scala Reale (Königstreppe) mit 2500 Stufen, die der König bei seinen Besuchen benutzte. Die Scala Coperta ist die längste gedeckte Treppe Europas.
Nun stehen wir auf dem ehemaligen Exerzierplatz im Fort San Carlo zwischen den grossen Häusern. Hinter uns ragen unglaublich hohe Mauern bis in den Himmel, in den Abhang sind drei riesige Gebäude für die Soldaten gebaut worden. Wie das damals erstellt und erst noch bis heute hält, das ist Architektur – und Ingenieurskunst.
Die Geschichte beginnt 1690, als Ludwig der XIV seinen Feldzug gegen das Herzogtum Savoyen (der neunjährige Krieg) begann. Seinem Feldherr Catinat war klar, dass das Chisonetal bei seiner Enge in Fenestrelle ein Hindernis für die französische Armee darstellen könnte.
So beantragte er den Bau einer Festung, um die Strasse nach Turin zu sichern. 1705 war die erste Etappe abgeschlossen.
Nur Jahre später wird das Chisone Tal Savoyen zugesprochen.
Auch die nachkommenden Herrscher haben das Fort weitergebaut und bis zum zweiten Weltkrieg wird die Festung immer wieder erweitert, modernisiert und militärisch aufgerüstet.
Von 1887 bis zum Ende des Ersten Weltkriegs war die Festung Garnison eines Gebirgsjäger-Bataillons des 3. Alpini- Regiments.
Im Zweiten Weltkrieg erlebte die Festung ihre einzige wirkliche Militäraktion, als im Juli 1944 die Ostseite des Reduits Carlo Alberto von Partisanen der Division Adolfo Serafino gesprengt wurde, um den Vormarsch deutscher Truppen gegen die Partisanen in den Alpentälern zu behindern.
Neben ihrer militärischen Funktion war die Festung dreimal Haftanstalt, zuerst für gewöhnliche Verbrecher, dann Staatsgefängnis und zuletzt Zuchthaus.
Die Gefangenen wurden unter den schlimmsten Bedingungen gehalten: „Mit zerlumpter Kleidung und kaum etwas zu essen sah man sie häufig, wie sie sich an die Mauern lehnten und verzweifelt versuchten, von den schwachen Sonnenstrahlen im Winter etwas abzubekommen. Keine Strohsäcke, keine Decken, kein Licht, an Orten, an denen die Temperatur fast immer unter Null war, wurden Fenster und Türen herausgenommen, um die Abgesonderten durch Kälte umzuerziehen.“
1946, nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, trennte sich das italienische Heer komplett von der Anlage, die aus militärischer Sicht wertlos geworden war. Die Festung wurde verlassen, durch Unwetter und Plünderung abgetragen. Im Laufe der Jahre wurde alles entfernt, was getragen werden konnte: Fenster und Türen, sogar die Deckenbalken der Kasernen. Seit 1990 wird die Anlage von einer Gruppe von Ehrenamtlichen wieder instandgesetzt. Es werden Führungen, Theater- und Kulturveranstaltungen angeboten.
Selbst an dem heutigen, sonnigen Tag bläst ein kalter Wind durch das geschlossene Treppengewölbe. Sind wir froh, im nächsten Zwischenhof ein wenig Sonnenwärme zu tanken!
Schaudernd denke ich an die armen Gefangenen, ja auch an die Militärangehörigen, die in diesen kalten Gemäuern auch den Winter über ausharren mussten…
Für einen Café setzen wir uns ins warme Bistro und sinnieren über dieses einmalige Bauwerk mit ihrer imposanten Grösse und der perfekten Anpassung an die Topographie des abgeschiedenen Alpentals.

gleich beim Eingang erinnert dieses Schild an die Pflichten der zahlreichen Hundehalter
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erst führt der Weg über die Zugbrücke, danach durch den schmalen Durchgang, bevor sich der Besucher auf dem grossen, von hohen Mauern umgebenen Platz befindet
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| es ist der ehemalige Exerzierplatz, auf der einen Seite steht die schmucke Kirche |
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beinahe senkrecht stehen die Soldatenunterkünfte / Gefängniszellen übereinander |
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| über den Bauten erheben sich die gedeckten Treppenaufgänge |

ein Brunnen mit Trinkwasser plätschert im Hof
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| im überdachten Treppenaufgang kann man die wechselvolle Geschichte des Forts nachlesen |
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| kalt zieht es durch den langen Gang. Im Bild eine Zugbrücke, mit deren Hilfe man den Gang verschliessen konnte |
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| Hier führt die Verbindungstreppe zwischen Mauern hindurch, unterbrochen mit sonnendurchfluteten Höfen |
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| Geschickt werden die Bögen in diesem Detail dargestellt |
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| ständig geht es steil hinauf oder hinab mit grünen Zwischenpodesten |
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| die Befestigungsmauern ziehen sich auf der gegenüberliegenden Talseite wieder hinauf |
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| Labyrinthartig erstreckt sich das Fort San Carlo auf dem Podest, hoch über der Talsohle |
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| Plan und Beschrieb des Fort |
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| das Fort wurde erbaut, um die Strasse durch das Chisone Tal nach Turin zu schützen |
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| zwischen den Forts stehen weitere Zugbrücken, um die Feinde abzuwehren |
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| stimmungsvolles Winterbild mit den beleuchteten, gedeckten Treppenaufgängen |
















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