Unsere Reiseroute (blogabond)

Donnerstag, 27. Februar 2014

Ein Tag in Ephesus


Vater, darf ich heute mit zu den Gladiatorenkämpfen kommen? Erwartungsvoll schaut der Junge zu dem stattlichen Mann hoch. Im wallenden Festgewand steht sein Vater im Innenhof ihrer kunstvoll ausgestatteten Wohnung. Von draussen hören sie schon die Musik und den vielstimmigen Lärm vom Theater her.
„Nein Titus“ gibt der Vater zur Antwort, erst in zwei Jahren darfst du mich begleiten und verlässt die Wohnung. Schmollend verzieht sich Titus in sein Zimmer. In Gedanken sieht er seinen Favoriten kämpfen – und natürlich siegen! Mit einem eisernen Draht verewigt er seinen Helden an der Wand und wünschte, zwei Jahre älter zu sein...

Ob sich dies so zugetragen hat, wissen wir nicht! Aber nun, rund 2000 Jahre später ist das Graffiti an der Zimmerwand noch immer deutlich zu sehen!
Wir stehen im sogenannten Hanghaus im antiken Ephesus. Das Hanghaus entspricht einer modernen Terrassensiedlung in verdichteter Bauweise. Auf drei Ebenen sind verschiedene Wohneinheiten angelegt, jede mit separatem Zugang.
Die Wohnungen wiederum gliedern sich um einen offenen Innenhof.
Die Baustrukturen sind bemerkenswert gut erhalten. Der Grund ist ein Erdbeben im 3Jh n.Ch., bei welchem die Hanghäuser vollständig verschüttet wurden. Erst im Jahre 1960 bis 1985 wurden die Häuser wieder ausgegraben und restauriert.
Sehr gut sind die doppelten Mauerwerke mit den Belüftungskanälen zu sehen. Auch das Röhrensystem für Wasser und Abwasser ist sichtbar und zeugt vom hohen Standard der Bauten. Die Wohnungen, mitten in der Stadt an der „Kuretenstrasse“, einer Hauptverbindung gelegen, waren für die vermögende Oberschicht gebaut.

Die Böden sind mit kunstvollen Mosaikbildern belegt worden. Die Wände mit Malereien verziert, die auf den gesellschaftlichen Status der Bewohner hinweisen.
Ein reich ausgestattetes Bad deutet auch auf die hoch entwickelte Badekultur der Römer hin. Die Räume konnten beheizt werden, Heisswasserbecken, Kaltwasserbecken, ein Schwitzraum und ein Umkleideraum waren darin integriert. Die Latrine weist auf drei Seiten Sitzbänke auf, die Fäkalien werden durch einen Kanal  abgeleitet.
Die grosse Küche ist mit einem Ofen ausgestattet, das Wassersystem wird auch hier durchgeleitet.

Einmal mehr sind wir tief beeindruckt von der damaligen Baukunst. Diese privaten Wohnungen liegen an der Hauptstrasse von Ephesus, einer der bedeutendsten und mit vielleicht über 200.000 Einwohnern auch eine der größten Städte des Römischen Reiches. Damals lag Ephesus direkt am Meer, heute endet die Hafenstrasse mit Säulen geschmückt in der Wiese. Verlandung, klimatische und seismische Veränderungen führten dazu, dass sich die antike Stätte nun rund 7 Kilometer vom Meer entfernt befindet.

Ein weiteres Zeugnis der weitsichtigen Denkweise der damaligen gebildeten Oberschicht ist die Celsius Bibliothek.
Sie wurde zu Ehren von Senator Tiberius Iulius Celsus Polemaneaus von seinem Sohn errichtet. Die Bibliothek wurde in eine schmale Baulücke gebaut. Um die Fassade grösser erscheinen zu lassen, haben die Erbauer die äusseren Säulen, Kapitelle und Gebälk kleiner dimensioniert wie in der Mitte. Durch diese Scheinperspektive wirken die Seiten weiter entfernt und das Gebäude dadurch grösser.
Das Kerngebäude wurde, um die Bücher vor der Nässe zu schützen, mit einem Doppelmauerwerk mit einem Zwischenraum von 80cm erstellt.
Aber nicht genug, um den Erhalt der Bibliothek, die eine der grössten in der Antike war, zu gewährleisten, hinterlegte Gaius Iulius Aquila eine beträchtliche Summe und ein Testament dazu, das genau beschrieb, wie die Summe verwendet werden soll. Mit dem Geld wurden Angestellte bezahlt, die für den Unterhalt und Betrieb der Bibliothek verantwortlich waren. Zudem war eine bestimmte Summe für den jährlichen Ankauf von Büchern bestimmt, um die Sammlung laufend zu erweitern. Einmal jährlich, am Geburtstag von Celsius sollen die Eingangsstatuen mit Blumen geschmückt und zu Ehren von Celsius ein Fest veranstaltet werden.
Dies garantierte den Fortbestand der Bibliothek bis zum grossen Erdbeben, welches die Bibliothek stark beschädigte. In der Spätantike wurde die eindrucksvolle Fassade als Hintergrund für einen Strassenbrunnen verwendet.

So spazieren wir über die alten Steinplatten durch die Stadt, am Odeon, das als Theater und Senatshaus diente, an der riesigen Agora, dem Treffpunkt der Stadtbevölkerung, dem Hadrianstempel, dem grossen Marktplatz, an den öffentlichen Bädern, Brunnen vorbei, schreiten durch Torbögen zum Amphitheater und lassen unsere Gedanken schweifen wie es wohl war, hier zu leben.

Die Wirklichkeit holt uns rasch ein. Im Dorf kommen wir an einem bescheidenen Lehmhaus vorbei. Eine ältere Frau kommt auf uns zu und lädt uns zum Tee ein. Dabei erzählt sie uns ihre Lebensgeschichte. Sie ist Witwe, ihr Mann bei den Ausgrabungen in Ephesus ums Leben gekommen.
Ihr Haus, bestehend aus einem Raum von rund 12m2 ist ohne Wandverzierung, die Latrine eine Grube im Hof; heutiger türkischer Standard für noch viel zu viele Bewohner!


Blick auf das Amphitheater welches
25'000 Zuschauer Platz bot

links im Bild die zuerst ausgegrabene Terrassensiedlung.
Rechts davon wurde das bestens erhaltene Hanghaus
gefunden und ausgegraben

Ansicht linke Hanghäuser

Plan des rechten Hanghauses

Sicht auf einen der Innenhöfe

Die Lüftungskanäle sind gut sichtbar

Bodenmosaik mit Löwenmotiv

verführerisch......

Wandmalereien

privates Bad

Eingang zur Latrine

Installations- Details mit Wasserrohren und Abwasserkanal

Rohrsystem der Antike

Die Hafenstrasse führt in die Wiese
eines der Stadttore

führt zur Celsius Bibliothek


Kuppeldetail

eine der Statuen

Gebäude Untersicht

Ausgestellt am Wegrand

Blick ins Weite über das Bibliotheksgebäude

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